Blog-Artikel von in der Rubrik Employer Branding 11 Kommentare

Der Arbeitsmarkt der Zukunft – Interview mit Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky

Arbeitsmarkt Zukunft 835 Der Arbeitsmarkt der Zukunft   Interview mit Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky

Vor zwei Wochen habe ich mich mit dem Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky auf dem Haufe Talentmanagement Gipfel  sehr angeregt über den Arbeitsmarkt der Zukunft ausgetauscht. Und weil die Zukunftsfähigkeit Eurer Unternehmen  davon direkt betroffen ist und Herr Jánszky interessante Impulse für das Employer Branding und Personalmanagement gibt, habe ich ihn zu einem Interview eingeladen:

 Wollmilchsau: In Ihrem Buch “2025 – So arbeiten wir in der Zukunft” haben Sie sich mit der Zukunft unserer Arbeitsgesellschaft befasst. Bitte skizzieren Sie uns das dabei entstandene Szenario.

Sven Gábor Janszky: Das Szenario beginnt mit einer einfachen Statistik: 6,5 Millionen werden in den kommenden zehn Jahren aus dem deutschen Arbeitsmarkt verschwinden, weil so viel mehr Menschen in Pension gehen als junge Menschen nachrücken. Selbst wenn man alle politischen Programme (mehr Frauen nach der Mutterschaft in Jobs und qualifizierte Einwanderer ins Land) einbezieht, entsteht am Ende eine verstörende Prognose: Je nachdem wie Sie die Statistik auswerten gibt es zwischen 2,0 Mio und 5,2 Miounbesetzbare Jobs. Dies ist reine Statistik. Aber als Folge prognostiziere ich, dass die heute noch dominierenden Langzeit-Anstellungsverhältnisse in der Wirtschaft nach dem Jahr 2020 auf ca. 30 bis 40 Prozent sinken. Zugleich verdoppelt sich der Anteil der Selbstständigen auf ca. 20 Prozent. Doch für die größte Veränderung in den Arbeitswelten sorgen jene Menschen, die 2025 in befristeten Verträgen arbeiten werden. Es sollen bis zu 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sein. Diese Menschen sind Projektarbeiter. Sie kennen keine 38-Stunden-Woche, keine geregelte Kaffee- und Mittagspause, keine Hausschuhe im Büro, keine Prämie oder Lohnsteigerung aufgrund langjähriger Betriebszugehörigkeit. Sie wechseln ihre Arbeitgeber oft und schnell und gehören zu jener „Creative Class“, nach der seit Richard Floridas „The Riseofthecreativeclass“ Politiker, Wirtschaftsförderer und Trendforscher suchen. Doch nicht ihre Kreativität charakterisiert jene neu entstehende Masse der Projektarbeiter, sondern ihre Arbeitsweise und ihr Verständnis der Arbeit als gestaltbares Element der Selbstverwirklichung in ihrer Patchworkbiografie. Die TOP3-Entscheidungskriterien der künftigen Projektarbeiter für oder gegen Ihr Unternehmen lauten: Ist das Projekt eine persönliche Herausforderung? Hat das Projekt einen größeren Sinn für die Welt? Arbeite ich im Projekt mit exzellenten Menschen zusammen? Nicht nur Partner, Kinder und Wohnorte werden zu Mosaiksteinen des individuellen Biografie-Patchworks sondern vor allem Jobs, Tätigkeiten und Projekte. Diese Situation führt bei den Mitarbeitern zu völlig neuen Erwerbsbiografien und bei den Unternehmen zu größten Herausforderungen um eine echte Katastrophe zu vermeiden. Die einzige realistische Lösung des Problems aus Sicht eines Trendforschers liegt bei den älteren Menschen. Wir werden eine durchschnittliche Lebenserwartung knapp unter 90 Jahren haben. Was machen wir zwischen 60-90? Urlaub? Sehr wahrscheinlich wird das langweilig. Deshalb werden viele von uns bis 75 oder 80 arbeiten wollen. Zum Glück!

Wollmilchsau: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen mit denen Unternehmen auf dem Weg in die Zukunft konfrontiert werden?

Sven Gábor Jánszky: Gehen Sie bitte davon aus, das ein Unternehmen welches seine Mitarbeiter wie bisher rekrutierten will, keinen Mitarbeiter mehr bekommt. Wenn Sie weiterhin ihre Stellenprofile auf einen Zettel schreiben und diesen an ein schwarzes Brett hängen, egal ob an der Wand oder im Internet, dann bekommen Sie im Jahr 2025 exakt keine einzige Bewerbung. Denn es gibt auf dem Arbeitsmarkt keine passenden Mitarbeiter. Für die Unternehmen zeichnen sich zwei unterschiedliche Strategien ab: Die eine Gruppe von Unternehmen wird fluide Organisationsformen bilden. Die Unternehmen haben keine festen Grenzen mit eindeutig zugehörigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr, sondern bauen ihre Arbeitsorganisation auf das Zusammenwirken von Projektarbeitern. Sie sind sehr professionell im Anziehen und abstoßen dieser Projektarbeiter. Diese fluiden Unternehmen sind hochgradig flexibel, können schnell auf Veränderungen des Marktes reagieren und bei entsprechender Positionierung weltweit die kreativsten Köpfe zusammenführen. Doch nicht alle Unternehmen werden die Chance haben, die kosmopolitischen Projektarbeiter anzuziehen, insbesondere nicht die mittelständischen Unternehmen in der Provinz. Diese Unternehmen begegnen der Dynamik der Märkte, indem sie versuchen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stark an sich binden. Sie werden zu „Caring Companies“. ‚Corporate Life‘ ist das Stichwort, nach dem sich die Unternehmen aufstellen. Dies geht weit über klassische Personalbindungsmaßnahmen hinaus. Caring Companies versuchen intensive Bindungen nicht nur zu ihren einzelnen Mitarbeitern aufzubauen, sondern vor allem in der deren Umfeld: zu Kinder, Eltern, Partner, Freunden. Das schließt attraktive Angebote für Wohnen, Familienplanung, Freizeitgestaltung, Gesundheit und Vorsorge ein. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen dann immer mehr. Es ist sogar denkbar, dass große Unternehmen den Charakter kleiner Staatsgebilde annehmen und mit eigener Infrastruktur von Häusern, Schulen, Einrichtungen für Gesundheit und Freizeit eine prominente Rolle in der Gesellschaft einnehmen.

Wollmilchsau: Wird sich durch die demographisch bedingte Fachkräfteknappheit Ihrer Meinung nach das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Unternehmen verändern?

Sven Gábor Jánszky: Radikal! Wir alle kommen aus der Gedankenwelt der Massenarbeitslosigkeit. Es war eine Welt der Angst unter arbeitenden Menschen. Denn Massenarbeitslosigkeit bedeutete, dass wir morgen zum Arbeitsamt gehen, wenn wir heute gekündigt werden. Das war schlimm! In den kommenden Jahren bis 2025 erleben wir genau das Gegenteil: Die Experten sprechen von Vollbeschäftigung und wir können es kaum glauben. Denn Vollbeschäftigung bedeutet, dass wir heute selbst kündigen können und morgen fünf bis zehn neue Jobangebote haben. Ein Paradies! Das Verhältnis von Unternehmen und Mitarbeitern verhält sich klar nach Marktmechanismen. Wenn es weniger verfügbare Mitarbeiter gibt als zu besetzende Jobs, dann sitzen plötzlich die Mitarbeiter am längeren Hebel. Sie können viele Forderungen durchsetzen. Denn die Unternehmen wissen genau, dass es viel teurer werden würde, wenn der Mitarbeiter kündigt und sie auf dem leergefegten Arbeitsmarkt einen neue suchen müssten. Einen kleinen Vorgeschmack auf diese Arbeitswelt der Zukunft haben wir übrigens schon in diesem Jahr erhalten. Erinnern Sie sich an die riesigen Probleme der Bahn in Mainz, weil in einem Stellwerk zu wenig Mitarbeiter verfügbar waren und dadurch massenhaft Züge ausfielen? Dies wird uns in allen Branchen begegnen. Die Fachkräfteknappheit ist ab sofort nicht mehr nur ein theoretisches Thema für Zeitungsartikel und Kongresse. Sondern sie senkt die Produktqualität und führt zu Gewinn einbußen.

Wollmilchsau: Wird der technologische Wandel und seine Geschwindigkeit Ihrer Ansicht nach Einfluss auf die Organisation von Unternehmen haben, insbesondere hinsichtlich ihrer Struktur und Größe?

Sven Gábor Jánszky: Es liegt auf der Hand, dass mit dem technologischen Wandel vor allem die Hierarchiestufen in den Unternehmen angegriffen werden. Flache Hierarchien kommen in die Unternehmen und bringen neue Führungskompetenzen mit sich: Moderation und Identitätsstiftung statt Befehl und Milestone-Execution! Die Unternehmen werden dabei einerseits größer, weil die vielen Teile der Wertschöpfungskette zusammen rücken und integriert werden. Andererseits werden Unternehmen zugleich kleiner, weil die Arbeit dezentraler in kleinen Teams und Projekten organisiert wird. Das Zukunftsbild der Unternehmensstrukturen sind viele einzelne, dezentrale Netze, die in einem großen Netzwerk verbunden sind.

Wollmilchsau: Die Trendforscher von Gartner haben jüngst vorhergesagt, dass der technologische Wandel den Arbeitsmarkt gravierend beeinträchtigen wird, da Softwaresysteme und Roboter neben Blue-Collar-Jobs in den nächsten Jahren auch immer mehr White-Collar-Jobs ersetzen. Wie schätzen Sie die Folgen des technischen Fortschritts für den Arbeitsmarkt und unsere Gesellschaft ein?

Sven Gábor Jánszky: Natürlich ersetzt die Technologie unsere Jobs. Das ist nicht neu, das ist seit den Maschinenstürmern bekannt. Auch dass es sich nicht mehr nur um Blue-Collar-Jobs handelt sondern Büroarbeit ersetzt wird, kennen wir schon in der Praxis. Die neue Qualität, die in den nächsten Jahren in unsere Unternehmen einzieht, basiert darauf, dass die Technologie durch Smarte Prognostik und Big Data tatsächlich „intelligenter“ wird als Menschen. Dies wird zahlreiche Bürojobs vernichten, zuerst Sekretärinnen- und Assistentejobs, später Manager und Referenten. Doch wenn Gartner die Anzahl der ersetzbaren Jobs auf 43% kalkuliert, dann ist das eine recht einseitige, technologische Betrachtung die auf den US-Arbeitsmarkt abzielt. Sie bezieht etwa die demografische Entwicklung in Deutschland nicht ein. Hierzulande können wir glücklich sein, dass die Technologie uns einige Jobs abnimmt. Das lindert für die Unternehmen den Schmerz der fehlenden Fachkräfte etwas.

Wollmilchsau: Wird auch zukünftig der Großteil der Menschen am Arbeitsmarkt teilhaben können oder müssen wir verstärkt über alternative Konzepte, wie z.B. ein Bürgergeld/ bedingungsloses Grundeinkommen nachdenken?

Sven Gábor Jánszky: Die Frage der Teilhabe wird noch mehr als in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Frage der Bildung und des kompetenten Umgangs mit Technologie. Jeder der halbwegs ordentlich gebildet ist, wird eine große Jobperspektive haben. Vermutlich werden die „normal Qualifizierten“ sogar die Jobs der „Hochqualifizierten“ machen müssen, weil es eben zu wenige Hochqualifizierte gibt. Doch am unteren Ende der Qualifikations-Skala wird es tatsächlich eine Gruppe von Menschen geben, die so schlecht gebildet sind, dass sie trotz der vielen offenen Stellen nicht am Arbeitsmarkt teilhaben können. Für diese werden unsere sozialen Sicherungssysteme nötig sein. Der Unterschied zu heute ist: Heute hat die Grundlogik unserer sozialen Sicherungssysteme das Ziel, jeden Arbeitslosen wieder in Beschäftigung zu bringen. Dies ist schon heute unrealistisch. Aber im Jahr 2025 werden wir das hoffentlich verstanden haben. Wenn diese Grundlogik sich verändert und wir uns Gedanken machen, wie wir den schlecht qualifizierten auch ein menschenwürdiges Leben bieten können, obwohl wir keine passende Arbeit für sie haben, dann kommen Ideen wie das Bürgergeld ins Gespräch.

Pic: Johnson Cameraface (CC-BY-NC-SA 2.0)

 

veröffentlicht am 26. November 2013

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Jan Kirchner

ist Partner und Geschäftsführer bei der Wollmilchsau GmbH.

Wir sind eine Agentur für digitales Employer Branding und HR-Marketing.
Wir entwickeln Personalmarketing-Software, -Auftritte und -Kampagnen.

 
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  • Stefan Scheller

    Danke für dieses wahrlich spannende Zukunftsszenario. Ich bin froh, dass Sven Gábor Jánszky am Ende noch auf die Personengruppe der wenig Qualifizierten eingeht. Anfangs erschien mir das Szenario doch sehr amerikanisch idealisiert futuristisch angehaucht (Stichwort “Vollbeschäftigung” und reiches Glück für alle).
    Ich glaube, dass neben dem demografischen Thema (hinter dem sich vor allem die Politik leicht verstecken kann) insbesondere das Thema Zugang zu Bildung und Werten ein absolut zentrales werden wird. Wenn ich einerseits eine schwindende Anzahl an Erwerbstätigen habe, dazu eine steigende Anzahl Rentner und immer mehr Empfänger staatlicher Wohlfahrtsleistungen, dann kann ich nur einen Appell an dieser Stelle wiederholen: Bildung, Bildung, Bildung für alle (die willig sind)!

  • Jacqueline K.

    Ich finde, das klingt spannend und gleichzeitig erschreckend. Vor Allem aber, finde ich es absolut naheliegend. Als ich vor 11 Jahren meine kaufmännische Ausbildung begonnen hatte, schien dies noch ein sicherer Markt zu sein. Heute sieht es schon anders aus. Feste Anstellungen sind in diesem Bereich (zumindest in meiner Region) selten und selbst befristete Verträge unwahrscheinlich, viel geht über Zeitarbeit. Mein Lebenslauf sieht bereits jetzt (ich bin heute 30) schon erschreckend aus. Vor Allem für mich selbst, wo ich doch jetzt im Personalbereich arbeite. Aber so ist der Markt, so ist die Lage und man muss sich da ein wenig anpassen. Ich hoffe in Sachen Bildung wird sich dann bis dahin wirklich noch einiges tun, denn sonst sehe ich schwarz… Wollen reicht heutzutage ja leider nicht aus. Danke für dieses Interview! Wirklich interessant und vielleicht fangen damit ja schon mal hier und da die Denkanstöße an. ;)

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  • Tolles Interview, wobei ich mit nicht ganz sicher bin, inwieweit die Technisierung wiederum Stellen einsparen wird. Ich frage mich auch, ob wirklich so viele mithalten können. Jedenfalls sehe ich im Moment bei meinen hochqualifizierten Kunden im Outplacement, sofern sie nicht aus der IT stammen, sondern z.B. Finance/Banking und Marketing oder auch Business Development (non digital): es wird immer langwieriger Anschlussjobs zu finden. Die Leute arbeiten immer spezialisierter, es gibt immer weniger Nahtstellen. Da ist es wesentlich leichter als Vertriebsinnendienstmitarbeiter mit SAP zu wechseln. Genau diese Stellen aber nehmen ab… kurzum: Ich würde mir so ein Szenario wünschen, bin aber nicht sicher, ob wirklich alle Variablen berücksichtigt sind. Und ob man das überhaupt kann.
    Svenja Hofert

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  • hea

    Sehr interessanter Artikel, aber wann beginnt die Zukunft? Heute? Morgen? 2025? Für mich ist erstmal die Frage, woher kriege ich JETZT den nächsten Job? Und was passiert die nächsten 11 Jahre mit unserer Arbeit, und vor allem mit den Leuten, die JETZT 55+ sind und noch keine Arbeit haben, weil das Bewusstsein mit dem angeblichen Fachkräftemangel noch gar nicht Schritt hält?

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  • Jensi

    Hoffentlich vergleicht das mal einer im Jahre 2025. Bei manchen Teilen des Textes braucht man nicht zu forschen. Da braucht man nur übern Teich zu schauen.

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